Tom Giesemann

Erfahren Sie, wie Kunst sein Leben verändert und seine kreative Reise inspiriert.
Begeisterung kann ansteckend sein
Wir haben Tom über Freunde kennengelernt. Seine Begeisterung für die Fotografie ist so lebendig, dass wir fragten, ob er Lust auf ein Portrait habe. Tom lebt im Norden Deutschlands. Neben der Fotografie liebt er die Natur und kommt zum Abschalten am liebsten in die Schweiz.


Die Fotografie hat alles verändert
Seit einigen Monaten geht Tom wieder zur Schule. Er möchte sich für ein Studium der künstlerischen Fotografie bewerben. Tom ist Autist. Mit 16 Jahren bekam er seine erste Kamera geschenkt. Eigentlich wollte er etwas auf Youtube machen. Über diesen Weg fand er schließlich zur Fotografie. Rückblickend sagt er, dass sich damit sein Leben zu ändern begann. Dabei lächeln seine Augen und verraten Erleichterung.

Während seine Begeisterung für die Fotografie von Tag zu Tag größer wurde, machte Tom eine entscheidende Erfahrung: Mit zunehmender fotografischer Aktivität wandelte sich allmählich seine soziale Teilhabe. Viele Autisten haben große Schwierigkeiten damit, am sozialen Leben teilzunehmen. Das betrifft viele Aspekte, sodass Menschen mit Autismus zum Schutz oft abgekapselt in einer eigenen, isolierten Welt leben. Tom möchte nicht isoliert leben, im Gegenteil.
Spott und Eskalationen waren aber auch in Toms Geschichte ständige Begleiter. Seine erste Schulzeit beendete er deshalb schnellstmöglich mit einem Hauptschulabschluss und auf Anraten seines Psychologen brach er die anschließende empfohlene Berufsausbildung zum Metzger nach wenigen Monaten ab. Die sozialen Zumutungen wurden zu groß.
Fokusverschiebung: Der fremde Blick wechselt zum Werk
Die Fotografie hat einen Wandel eingeleitet. Plötzlich war nicht mehr nur die Person Tom Giesemann mit ihren Eigenheiten präsent und riskanten Reaktionen ausgesetzt. Nun existierten Dinge von ihm, die zu konkreten Gesprächen anregten und Raum eröffneten. "Zunehmend interessierten sich Menschen für meine fotografischen Versuche. Selbst fremde Personen. Ich bekam Likes. So etwas wie Bestätigung kannte ich als Autist ohne besondere Inselbegabung zuvor nicht."
Der wachsende Austausch mit Menschen über Techniken, Perspektiven, Entstehungsgeschichten und sogar Empfindungen hat Tom in ein vielfältiges gesellschaftliches Leben geholt. Von Filterblase keine Spur. Er trifft Personen jeden Alters, Kunstinteressierte, Musiker:innen und lernt Menschen verschiedener Berufe mit ganz unterschiedlichen Lebensvorstellungen und Erwartungen kennen. Diese Vielfalt inspiriert ihn und es sind sogar dauerhafte Bekanntschaften und Freundschaften entstanden, in denen er allmählich Vertrauen aufbauen konnte.
In meinem ersten größeren Projekt durfte ich nur unscharfe Aufnahmen liefern
Etwa zwei Jahre vor Corona wagte sich Tom mit seiner Kamera vorsichtig in die Öffentlichkeit. Gerade 18 fotografierte er kostenfrei Gäste in einer Diskothek. Die DSGVO in ihrer heutigen Form gab es noch nicht. Auch an einem Donnerstagabend war Tom dort. Die Open Stage wurde veranstaltet. Diese gelegentliche Eventserie war irgendwie besonders, erinnert Tom. Die Veranstalter hatten sehr konkrete Vorstellungen in vielen Details und das Programm bot auch ungewöhnliche Inhalte. Auf die Kamera wurde er sofort angesprochen: Keine Fotos!

Ein Wortwechsel mit den Veranstaltern baute sich auf und Entgegen aller bisherigen Erfahrungen stieß Toms Eigenart hier eher auf Interesse. Schließlich durfte er als einziger fotografieren, sogar Backstage, aber mit diversen Auflagen: Keine Farbe, keine Bildschärfe. Veröffentlichung nur mit Freigabe — wer etwas vom Abend sehen will, solle persönlich erscheinen.
Dieses eigenwillige Konzept war erfolgreich und Tom lernte zu verlernen. Sein künstlerisches Interesse wurde dabei geweckt und gefordert. Später machten dann auch ausgewählte klassisch anmutende Aufnahmen als Appetithäppchen die Runde und sein Name wurde bekannter.


Auf den letzten Lockdown folgten dann erste Ausstellungen
Während der Corona-Hochphasen mit ihren Beschränkungen hatte Tom viel Zeit und Ruhe, seiner Leidenschaft experimentell nachzugehen. Schließlich präsentierte er in verschiedenen Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen in Neumünster konkrete, abstrakte, gestische und experimentelle Fotografien. Zuletzt sprach ihm eine Jury den Wettbewerbspreis "Kreativschaffender des Jahres 2022" in Neumünster zu.

Die mit der Auslobung verbundene Ausstellung wurde auf seinen Wunsch hin durchgehend von einer klanglichen Komposition begleitet. Umweltgeräusche, gesprochene Worte und kurze Tonfolgen, die sich zum Teil zufällig miteinander vermischten, hatten die Aufgabe, die meist schweigsame Andächtigkeit in Galerieräumen zu brechen und zum Dialog einzuladen. Während der Ausstellung performte Tom mit Chemikalien zur Fotoentwicklung auf einer Leinwand und lud Besucher:innen zum Manipulieren unfixierter analoger Fotografien ein.

Die Suche nach Neuem im Alten und nächste Vorhaben
Im kommenden Jahr wird Tom auf dem Lala-Festival Arbeiten zeigen. Er plant dort einen kreativen Workshop für Kinder und Erwachsene. Teilnehmer:innen werden die Technik der Cyanotypie kennenlernen, um dann eigene Bilder zu entwickeln.

Während die digitale Fotografie mit Schnelligkeit trumpft und Smartphone-Besitzer:innen dank guter Optiken und technischer Leistungsfähigkeit die Bilderflut bei einfachster Bedienbarkeit täglich anreichern, zwingt die analoge Bildproduktion samt anschließender Entwicklung in der Dunkelkammer zu einem vergleichsweise planvollen und gut überlegten Vorgehen. Es braucht Erfahrungsjahre. Tom sieht sich noch am Anfang. Die Bedingung der Trägheit und höheren technischen Fehlerwahrscheinlichkeit vorteilhaft zu nutzen und kreativ auszuleuchten, ist ihm aber schon jetzt ein intensives Anliegen. Er will sehen, wie diese Auseinandersetzung auf sein theoretisches Verständnis Einfluss nehmen und schließlich auf sein digitales Fotografieren zurückwirken wird.
Die verschiedenen Ausstellungen der letzten zwei Jahre haben Tom wichtige Erfahrungen eingebracht und gezeigt, dass etwas, was er selbstständig geschaffen hat, einen konkreten Tauschwert erzielen kann.
Nun zieht es ihn immer häufiger nach Hamburg. Die Größe der Hansestadt bietet auch im Kunstgeschehen eine höhere Dynamik. Erste inspirierende kleine Underground-Projekte mit anderen Künstler:innen fanden bereits statt. Er hofft, irgendwann auch eine Einladung zu einer Einzelausstellung zu erhalten.
Wir wünschen Tom viel Erfolg dabei und sind gespannt darauf, seine weitere Entwicklung mitzuverfolgen.

Kontakt + Links
Tom Giesemann
Neumünster [DE]
E-Mail:
[email protected]
Instagram:
fototomgiesemann
Facebook:
fototomgiesemann
Artikel
Tom, 22, ist Autist
Quelle: Zeit Online / ze.tt vom 04.09.2021
Mut zur eigenen Perspektive
Autismus verstehen – Heft 01/2022